Warum Open-Source-Software bei Banken plötzlich so angesagt ist

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Warum Open-Source-Software bei Banken plötzlich so angesagt ist

Investmentbanken und Hedgefonds sind normalerweise eher geheimniskrämerisch und sorgfältig darauf bedacht, dass ihre Daten – und damit elementare Wettbewerbsvorteile – gut geschützt sind. Wer einen USB-Stick in einen Arbeitsrechner steckt oder sich eine E-Mail an seine Privatadresse weiterleitet, wird schon bald jemanden aus der Compliance-, Tech-, oder HR-Abteilung neben sich stehen haben (beziehungsweise einen entsprechenden Zoom-Call eingestellt bekommen). Erwartet wird, dass man auch nach Verlassen des Unternehmens Vertraulichkeit wahrt. Vertraulichkeitsvereinbarungen (sogenannte NDAs) sind Standard und bei vielen Hedgefonds sind zudem auch detaillierte Wettbewerbsklauseln verpflichtend.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass Unternehmen für die Einhaltung der Vertraulichkeit durchaus auch vor Gericht ziehen – manche gehen sogar noch weiter: Bei Goldman Sachs wurde 2009 ein Mitarbeiter festgenommen, der unternehmenseigene Software gestohlen haben soll – es folgte eine Haftstrafe. Dass Goldman Sachs nun seine unternehmenseigene Programmiersprache Legends als open source verfügbar macht, ist vor diesem Hintergrund einigermaßen überraschend.

Tatsächlich ist es für Finanzunternehmen allerdings durchaus üblich, dass Software open source gestellt wird, oder dass man an laufenden Open-Source-Projekten mitarbeitet. Natürlich in viel kleinerem Rahmen als bei großen Tech-Unternehmen wie Google, wo 70 Open-Source-Projekte laufen, darunter Android, das Betriebssystem auf dem 75 Prozent aller Smart Phones laufen. Und dennoch gibt es bei vielen Banken und Hedgefonds aktive Open-Source-Projekte.

Wenig überraschend ist, dass vor allem Quantfonds sich in Sachen Open Source engagieren. Die Python Data Library Pandas etwa wurde vom Hedgefonds AQR hervorgebracht. Der Londoner Fonds AHL, mein ehemaliger Arbeitgeber, betreibt ebenfalls mehrere Open-Source-Libraries. Der Fonds Two Sigma hat acht Open-Source-Projekte und hat an diversen anderen mitgewirkt.

Auf der Käuferseite hat Goldman Sachs sich in Sachen Open-Source versucht. Aktuell sind auf der öffentlichen github Page der Bank 16 Projekte aufgelistet, doch mit dem vollmundig als „Legend“ titulierten Projekt wird ein neues Level erreicht. JPMorgan und Morgan Stanley verfügen ebenfalls über eine Open-Source-Präsenz.

Warum sind Unternehmen, die normalerweise so penibel auf den Schutz ihrer Daten bedacht sind, plötzlich bereit, ihren Quellcode allen zugänglich zu machen? Open-Source-Software hat für kleine Unternehmen viele klare Vorteile: Man bekommt den Mehrwert von Anwendern und Test-Nutzern ohne dafür bezahlen zu müssen. Finanzgiganten allerdings haben selbst riesige Entwickler-Teams und beschäftigen ganze Horden von Software-Testern.

Es gibt durchaus Gründe, warum ein Unternehmen seine Software open source zur Verfügung stellt – und es hängt wesentlich vom Projekt ab.

Viele Projekte, die von Unternehmen frei zugänglich gemacht werden, fallen in die Kategorie „nutzliche Tools“ und sind für die Geschäftslogik eher unerheblich. Diese Tools sind generell hilfreich, beinhalten aber keine „Geheimrezepte“, durch die andere Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil generieren könnten. Das Open-Source-Projekt des Hegdefonds Man Group etwa beinhaltet einen Visualisierer für Pandas Daten und ein Tool, mit dem Jupyter Notebooks produktionisiert werden können (bei Data Scientists sehr beliebt). Beide sind für alle, die in Python mit Daten arbeiten, sehr hilfreich, haben aber nichts zu tun mit hochgeheimem Trading-Strategie-Code.

Einen solchen Code zugänglich zu machen, hat kaum Nachteile, sondern fast nur Vorteile. Erstens: Der Imagegewinn. Ein Open-Source-Projekt bekanntzugeben eignet sich ideal, um auf sich aufmerksam zu machen. Dass eine berühmt-berüchtigte Investmentbank wie Goldman Sachs darum buhlt, noch bekannter zu werden, ist allerdings wenig wahrscheinlich.

Und zweitens es sieht gut aus: Eine Bank, die bereit ist, den eigenen Code frei verfügbar zu machen, kann ja wohl nicht so übel sein – so die Theorie. Natürlich wird es nur wenige potenzielle Kunden geben, die sich die Github Pages der Banken ansehen, bevor sie ein Konto eröffnen. Anders sieht das bei Mitarbeitern aus. Ein Top-Informatik-Absolvent, dem quasi alle Türen offenstehen, wird Unternehmen den Vorzug geben, die eine Open-Source-Präsenz haben. Erfahrenere Entwickler in der Tech-Welt werden einen Wechsel ins Finanzwesen eher in Erwägung ziehen, wenn sie wissen, dass sie weiterhin zu Open-Source-Projekten beitragen können.

Und es gibt tatsächlich eine Reihe an Open-Source-Projekten, die eigens für Recruitment-Prozesse entwickelt wurden, etwa das Battleships game bei Morgan Stanley und Crazy Cricket aus dem Hause BlackRock.

Bei Open Source geht es allerdings um weit mehr als nur um nützliche Tools oder Recruitment-Spiele. Wenn viele Unternehmen dieselbe Software – oder zumindest eine gemeinsame Schnittstelle – nutzen, wird es leichter, Daten untereinander auszutauschen. Das erleichtert Banken und Fonds die Zusammenarbeit mit den Bereitstellern von Daten (etwa Exchanges) und mit den eigenen Kunden, aber auch mit Wettbewerbern. Das „Legend“-Projekt gehört definitiv in diese Kategorie. Unterstützt wird Legend von FINOS (Fintech Open Source Foundation) – und es ist nur ein Vorhaben in einer Reihe von hochkarätigen, branchenübergreifenden Projekten der Stiftung.

Projekte dieser Art sind besonders beliebt in der Blockchain Community, die Open-Source bereits in ihrer DNA hat (das Blockchain-Protokoll, das Kryptowährungen wie Bitcoin zugrunde liegt, ist open source und würde anders nicht funktionieren).

Auch wenn es kontra-intuitiv scheint, der Konkurrenz zu helfen, indem man sie auf die eigene Plattform lässt, so gibt es zumindest einen Vorteil. Wer sich in einer branchenweiten Initiative als „First Mover“ betätigt, kann daran mitwirken, künftige Standards zu setzen. Auch wenn an einem Open-Source-Projekt jede und jeder in Form von „pull requests“ mitarbeiten kann, so müssen diese vom Projekt-Owner freigegeben werden.

In manchen Fällen bleibt einem gar nichts anderes übrig, als open source zu gehen – etwa wenn es externen Druck in Form von regulatorischen oder rechtlichen Anforderungen gibt. Die britische Open Banking Initiative beispielsweise ist ein Regierungsprogramm, dass es StartUp-Fintechs erleichtern soll, mit etablierten Banken mithalten zu können, indem Kundendaten zugänglich gemacht werden.

Es scheint wahrscheinlich, dass Open-Source-Projekte im Finanzwesen künftig zunehmen werden. Wenn man allerdings darauf hofft, dass auf Github vertrauliche Trading-Strategien preisgegeben werden, wird man wohl enttäuscht werden.

Robert Carver, ehemals Head of Fixed Income bei AHL, einem quantitativen Hedgefonds. Er ist der Autor von „Leveraged Trading“, „Systematic Trading“ und „Smart Portfolios“. Sein eigenes Geld legt Carver mithilfe eines automatisierten Systems an, das er in Python programmiert hat – und das er in einer Open Source Library zur Verfügung gestellt hat.

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